Ein Jahr nach Stonewall zogen am 28. Juni 1970 in New York ein paar Tausend Menschen die Sixth Avenue hinauf. Ohne Wagen, ohne Musik, mit einem Transparent: CHRISTOPHER STREET GAY LIBERATION DAY 1970. Wie aus diesem Wagnis der weltweite Pride wurde.
Am 28. Juni 1970, genau ein Jahr nach der Polizeirazzia im Stonewall Inn, zogen in New York ein paar Tausend Menschen die Sixth Avenue hinauf. Auf dem Transparent vorne stand „CHRISTOPHER STREET GAY LIBERATION DAY 1970“. Es gab keine Wagen, keine Musik, keinen festlichen Rahmen. Die Polizisten drehten den Demonstrierenden demonstrativ den Rücken zu. Und doch war an diesem Sonntagnachmittag etwas entstanden, das heute in fast jeder größeren Stadt der Welt im Juni wiederkehrt.
Vorgeschichte: Die Jahreserinnerungen
Aus dem Nichts kam die Idee nicht. Seit 1965 hatte eine kleine Gruppe um den Aktivisten Frank Kameny und die Bibliothekarin Barbara Gittings jeden 4. Juli vor der Independence Hall in Philadelphia für die Rechte Homosexueller demonstriert, die sogenannten Annual Reminders. Der Anlass war symbolisch gewählt: Am Unabhängigkeitstag, dem Feiertag der Freiheit, sollte deutlich werden, wem sie vorenthalten blieb. Die Regeln waren streng. Männer trugen Jackett und Krawatte, Frauen Kleider, niemand hielt eine Hand des anderen. Es war ein Protest, der um Anerkennung warb, indem er möglichst unauffällig blieb.
Nach Stonewall 1969 wirkte diese Zurückhaltung vielen zu brav. Im November 1969 traf sich die Eastern Regional Conference of Homophile Organizations in Philadelphia. Craig Rodwell, der zwei Jahre vor Stonewall den Oscar Wilde Memorial Bookshop auf der Christopher Street eröffnet hatte, brachte zusammen mit seinem Partner Fred Sargeant sowie Ellen Broidy und Linda Rhodes eine Resolution ein: Statt der jährlichen Mahnwache in Philadelphia sollte jedes Jahr im Juni ein Marsch in New York stattfinden, ohne Kleiderordnung, ohne Altersgrenze. New York Mattachine stimmte als einzige Gruppe dagegen. Der Rest stimmte zu.
Planung im Buchladen
In Rodwells Laden, dem ersten schwulen Buchgeschäft der USA, traf sich das Organisationskomitee. Die Adresskartei des Ladens wurde zum wichtigsten Werkzeug, um Menschen zu erreichen, die keine Organisation vertrat. Umstritten war bis kurz vor dem Start, wer den Zug anführen durfte; am Ende bekam jede Gruppe eine Vertreterin oder einen Vertreter. Auch der Schlachtruf wurde lange debattiert, bis „Say it clear, say it loud. Gay is good, gay is proud“ feststand. Das Wort „Pride“ geht auf L. Craig Schoonmaker zurück, ein Mitglied des Komitees. „Gay Power“ erschien vielen damals zu großspurig; Stolz dagegen konnte jede und jeder selbst aufbringen.
Brenda Howard, eine bisexuelle Aktivistin aus der Anti-Kriegs-Bewegung, organisierte nicht nur den Marsch, sondern eine ganze Woche mit Tanz, Gottesdienst und Treffen. Für diese Arbeit wurde sie später „Mother of Pride“ genannt.
Der 28. Juni 1970
Der Marsch sollte um 14 Uhr an der Waverly Place westlich der Sixth Avenue beginnen. Um 14:10 drängte die Polizei zum Aufbruch, weil sich die Menge kaum bewegte. Zuerst liefen die Teilnehmenden fast im Trab, aus Nervosität, manche nannten es später den „ersten Lauf“. Vor dem Zug gingen Vertreterinnen von Gruppen wie der Gay Liberation Front, der Gay Activists Alliance, Mattachine-New York und mehreren Kapiteln der Daughters of Bilitis. Als sich die Reihen über die Sixth Avenue nach Norden schoben, wurden sie länger und sicherer. Die Route führte rund 50 Blocks bis zum Sheep Meadow im Central Park, wo ein „Gay-in“ mit Reden und Beisammensein stattfand.
Wie viele es am Ende waren, weiß niemand genau. Ein Polizist schätzte mindestens 1.000, die Organisatoren sprachen von 3.000 bis 20.000. Die New York Times berichtete am nächsten Tag auf der Titelseite: „Thousands of Homosexuals Hold A Protest Rally in Central Park“. Am selben Wochenende gingen Menschen auch in Chicago, Los Angeles und San Francisco auf die Straße, in Chicago schon einen Tag vorher. Die Gleichzeitigkeit machte aus einem lokalen Gedenken eine nationale Bewegung.
Warum daraus „Pride“ wurde
Aus dem Marsch wurde eine Tradition. 1971 zogen mehr Menschen mit, in den folgenden Jahren wuchs die Veranstaltung, und mit ihr das Wort, das heute überall steht. In Deutschland, Österreich und der Schweiz heißt sie bis heute Christopher Street Day, nach der Straße in Greenwich Village, vor der das Stonewall Inn liegt. Der Name erinnert daran, dass der Anlass ein Aufstand war und keine Parade.
Zum Teil erfüllt, zum Teil nicht: die Forderungen von 1970. Die New Yorker Marchierenden verlangten damals unter anderem die Abschaffung der Gesetze gegen Homosexualität und ein Ende der Polizeischikane. In vielen Ländern ist daraus Alltag geworden, in anderen ist es noch immer gefährlich, überhaupt auf die Straße zu gehen. Der erste Pride-Marsch war ein Wagnis von ein paar Tausend. Dass daraus eine weltweite Bewegung wurde, war an jenem Sonntag nicht absehbar.
Häufige Fragen
Zuletzt geprüft: 14. September 2026