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Der Rosa Winkel: Vom NS-Verfolgungssymbol zum Zeichen des Widerstands

3 Min Lesezeit

Ein Dreieck, das KZ-Häftlinge demütigen sollte, ist heute ein Zeichen der Erinnerung und des Widerstands. Die Geschichte des Rosa Winkels reicht von Paragraph 175 über jahrzehntelanges Schweigen bis zur AIDS-Aktivistengruppe ACT UP.

Ein Dreieck, mit der Spitze nach unten auf die Kleidung von KZ-Häftlingen genäht, sollte demütigen und sichtbar machen. Heute steht dasselbe Zeichen – oft umgedreht, Spitze nach oben – für Erinnerung und Selbstbehauptung. Die Geschichte des Rosa Winkels reicht von Paragraph 175 über jahrzehntelanges Schweigen bis zur AIDS-Aktivistengruppe ACT UP.

Verfolgung nach Paragraph 175

Seit 1871 stellte Paragraph 175 des Deutschen Strafgesetzbuchs Sex zwischen Männern unter Strafe. Die Nationalsozialisten verschärften das Gesetz 1935 erheblich und weiteten den Kreis der Verfolgten aus. Nach Schätzungen des United States Holocaust Memorial Museum wurden zwischen 1933 und 1945 rund 100.000 Männer nach Paragraph 175 verhaftet und angeklagt, etwa 5.000 bis 15.000 von ihnen kamen in Konzentrationslager.

Dort mussten sie einen rosa Winkel tragen – eines von mehreren farbigen Stoffdreiecken, mit denen die Lager-SS Häftlingsgruppen kennzeichnete. Genaue Sterbezahlen für diese Gruppe gibt es bis heute nicht, laut USHMM wurden Häftlinge mit rosa Winkel jedoch schlechter behandelt als fast jede andere Gruppe außer den als Jüdinnen und Juden verfolgten Menschen – auch durch Mithäftlinge. Nur ein Bruchteil der Lagerinsassen trug das Zeichen offiziell: In Auschwitz waren es 75 von rund 400.000 registrierten Häftlingen, ein Hinweis darauf, wie viele als Homosexuelle Verfolgte unter anderen Kategorien erfasst oder gar nicht erst registriert wurden.

Kein Ende nach 1945

Mit der Befreiung der Lager endete die Verfolgung nicht. Die von den Nationalsozialisten verschärfte Fassung von Paragraph 175 blieb in der Bundesrepublik in Kraft, Männer, die einen rosa Winkel getragen hatten, wurden teils erneut verhaftet – als NS-Opfer galten sie rechtlich nicht. Erst 1969 milderte eine Reform das Gesetz, erst 1994 wurde Paragraph 175 vollständig gestrichen. Eine offizielle Anerkennung und Entschädigung homosexueller NS-Opfer durch den Deutschen Bundestag kam 2002 – für viele Überlebende zu spät.

Aneignung als Erinnerungszeichen

In den 1970er Jahren begann die westdeutsche Schwulenbewegung, den rosa Winkel bewusst wieder aufzugreifen: nicht länger als Stigma, sondern als Erinnerung an die eigene Verfolgungsgeschichte und als Aufforderung, sie nicht zu vergessen. Häufig wurde das Dreieck dabei umgedreht, mit der Spitze nach oben – eine bewusste Abkehr von der Lagerkennzeichnung.

1987 griff eine Gruppe von sechs New Yorker Aktivist:innen, die sich Silence = Death Project nannte, das Motiv erneut auf: ein rosa Winkel auf schwarzem Grund, darunter der Satz „SILENCE = DEATH“. Das Plakat zog eine bewusste Parallele zwischen der NS-Verfolgung und dem staatlichen Schweigen zur AIDS-Krise unter Reagan. Kurz darauf übernahm die neu gegründete Aktivistengruppe ACT UP das Motiv als Erkennungszeichen – aus einem Verfolgungssymbol wurde ein Aufruf, nicht länger zu schweigen.

Ein Denkmal in Berlin

In Deutschland dauerte es bis 2008, ehe der Bund ein eigenes Denkmal für die im Nationalsozialismus verfolgten Homosexuellen errichtete. Am 27. Mai 2008 wurde im Berliner Tiergarten, gegenüber dem Holocaust-Mahnmal, ein grauer Betonblock der Künstler Michael Elmgreen und Ingar Dragset eingeweiht. Durch ein Fenster im Block ist eine Filmschleife mit einer gleichgeschlechtlichen Liebesszene zu sehen – ein bewusster Kontrast zum Verbot, das genau solche Zärtlichkeit einst unter Strafe stellte. Der Errichtung waren nach Angaben der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas rund 15 Jahre zivilgesellschaftlicher Lobbyarbeit vorausgegangen, unter anderem durch den Lesben- und Schwulenverband (LSVD).

Der rosa Winkel steht heute für beides zugleich: die reale Verfolgungsgeschichte, die lange kaum anerkannt wurde, und die Entscheidung queerer Communitys, ein Symbol der Gewalt in ein Symbol des Widerstands zu verwandeln.

Häufige Fragen

Ein Stoffdreieck, das die SS homosexuellen Männern in Konzentrationslagern zur Kennzeichnung aufnähte – eines von mehreren Farbsystemen für unterschiedliche Häftlingsgruppen.
Nach Schätzungen des USHMM wurden 1933 bis 1945 rund 100.000 Männer nach Paragraph 175 verhaftet, 5.000 bis 15.000 kamen in Konzentrationslager. Genaue Todeszahlen sind nicht überliefert.
Nein. Die verschärfte NS-Fassung von Paragraph 175 blieb in der Bundesrepublik in Kraft, Betroffene wurden teils erneut verurteilt. Vollständig gestrichen wurde der Paragraph erst 1994.
In den 1970er Jahren griff die westdeutsche Schwulenbewegung das Zeichen wieder auf, meist mit der Spitze nach oben gedreht. 1987 machte die Gruppe ACT UP es mit dem Slogan „Silence = Death“ zum Symbol der AIDS-Aktivismus-Bewegung.
Ja, seit dem 27. Mai 2008 steht im Berliner Tiergarten das Denkmal für die im Nationalsozialismus verfolgten Homosexuellen, gestaltet von Michael Elmgreen und Ingar Dragset.
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Zuletzt geprüft: 14. August 2026

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