Wer fragt, wer Pride erfunden hat, bekommt meist Namen aus dem Juni 1969: Marsha P. Johnson, Sylvia Rivera, die Gäste des Stonewall Inn. Der Aufstand war der Auslöser. Dass es danach jedes Jahr einen Gedenkmarsch gab, lag an Menschen, die organisiert haben. Eine davon war Brenda Howard, eine New Yorker Aktivistin, die manchmal Mutter des Pride genannt wird. Ihr Wirken ist dokumentiert, ihr Titel wird diskutiert. Beides gehört zur Geschichte.
Wer Brenda Howard war
Brenda Howard wurde am 24. Dezember 1946 in New York geboren und starb am 28. Juni 2005 in derselben Stadt an Darmkrebs. Sie hatte eine Ausbildung in der Krankenpflege, war in den späten 1960ern gegen den Vietnamkrieg aktiv und später in der feministischen Bewegung. Nach Stonewall engagierte sie sich in der Gay Liberation Front, einer Gruppe, die sich nach dem Aufstand 1969 bildete, und leitete über Jahre das Speakers Bureau der Gay Activists Alliance. Sie war außerdem Teil der Coalition for Lesbian and Gay Rights, die 1986 daran mitwirkte, ein Antidiskriminierungsgesetz für New York City durch den Stadtrat zu bringen. Sie zählt zu den frühen Aktivist:innen für die Rechte bisexueller Menschen in den USA.
1970: vom Gedenktag zur Woche
Am 28. Juni 1970, dem ersten Jahrestag der Stonewall-Unruhen, fand in New York der erste Christopher Street Liberation Day statt, ein Marsch durch Manhattan. Das Legacy Project Chicago, eine Dokumentation queerer Geschichte, schreibt Howard die Idee zu, rund um den Gedenktag eine ganze Woche aus Veranstaltungen zu organisieren. Diese Idee gilt als Ursprung der jährlichen Pride-Feiern, wie sie heute weltweit stattfinden. Laut derselben Quelle gehört sie auch zu denen, die das Wort Pride für solche Feiern verbreitet haben, zusammen mit Robert A. Martin und L. Craig Schoonmaker.
Das ist ein wichtiger Unterschied: Howard wird nicht als Erfinderin des Wortes Pride genannt, sondern als eine, die es mit anderen verbreitet hat. Sie sorgte mit anderen dafür, dass aus einem einmaligen Gedenken ein jährliches Fest mit Programm wurde. Genau das machte aus einem Protest eine Tradition. Das Wort selbst setzte der Scham, die queeren Menschen damals vielerorts eingeredet wurde, ein bewusstes Gegenstück entgegen.
Der Titel und seine Grenzen
Die Bezeichnung Mutter des Pride taucht in Würdigungen auf, auch beim Legacy Project Chicago. Dieselbe Seite verweist auf einen Beitrag, der den Titel als umstritten beschreibt: Frühere Mitglieder der Gay Liberation Front sehen Howards Bedeutung demnach kleiner. Die Quellenlage deutet diese Debatte nur an und löst sie nicht auf. Fest steht: Der Titel ist eine Zuschreibung, keine Urkunde.
Für alle, die über Pride schreiben oder reden, heißt das: Den Titel als Zuschreibung kennzeichnen und nicht als Tatsache behandeln. Das ist keine Spitzfindigkeit. Die Geschichte von Bewegungen erzählen oft die, die dabei waren und sich erinnern, und Erinnerungen konkurrieren. Hilfreich ist es, bei einer Behauptung zu fragen, wer sie zuerst aufgestellt hat, ob es zeitgenössische Belege gibt und ob Beteiligte widersprechen. Ein Titel, den viele wiederholen, ist dadurch noch nicht bestätigt.
Warum sie trotzdem erinnert wird
Es gibt mindestens drei Gründe, die auch unabhängig vom Titel gelten.
- Die Wochenidee. Aus einer Demo wurde ein Programm: Gespräche, Feiern, Kultur. Auch in Deutschland haben CSDs bis heute oft mehrere Tage oder Wochen mit Rahmenprogramm.
- Bisexuelle Sichtbarkeit. Howard war eine der ersten offen bisexuellen Aktivist:innen. Der Brenda Howard Memorial Award, 2005 von der Queens-Gruppe von PFLAG geschaffen, war laut Wikipedia die erste Auszeichnung einer großen US-amerikanischen LGBT-Organisation, die nach einer offen bisexuellen Person benannt wurde.
- Organisationsarbeit. Märsche entstehen nicht aus Begeisterung allein. Jemand muss Genehmigungen beantragen, Ordner finden, Redner:innen einladen und Gruppen zusammenbringen. Das taten Menschen wie Howard.
Was das für den CSD heute heißt
Der CSD in Deutschland knüpft an diese Tradition an. Er heißt nach der Christopher Street, auf der Stonewall liegt. Wer heute zu einer Parade geht, steht in einer Linie mit den Organisator:innen der ersten Jahre, auch wenn viele davon wenig bekannt sind. Das ist ein Grund, bei Berichten zur Geschichte genau hinzusehen: Wessen Namen fehlen, und warum?
Einordnung und Quellen
Wer tiefer einsteigen möchte, findet Howards Biografie auf der englischsprachigen Wikipedia und im Legacy Project Chicago. Beide Seiten sind Sekundärquellen. Für belastbare Aussagen zur Rolle im Organisationskomitee von 1970 wären zeitgenössische Dokumente und Zeitzeugenberichte nötig, die hier nicht ausgewertet wurden. Stand der Angaben: 30.10.2026.
Häufige Fragen
Quellen
- legacyprojectchicago.org · 163
- en.wikipedia.org · Brenda_Howard