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Glaube und CSD: Wie queere Gläubige eigene Räume in der Community schaffen

3 Min Lesezeit

Seit über fünfzig Jahren gründen queere Christ:innen, Muslim:innen und Angehörige anderer Glaubensgemeinschaften eigene Organisationen und Blöcke beim CSD. Ein Blick auf ihre Geschichte – von der ersten queer-affirmativen Kirche bis zum Stand beim Berliner CSD.

Wer beim Christopher Street Day an Regenbogenfahnen, Wagen und Musik denkt, übersieht leicht eine Gruppe, die seit Jahrzehnten mitläuft: queere Christ:innen, Muslim:innen und Angehörige anderer Glaubensgemeinschaften, die eigene Stände, Gottesdienste und Blöcke organisieren. Für viele von ihnen ist die Frage „Glaube oder queer sein“ keine, die sich stellt – wohl aber die Frage, wo sie beides zusammen leben können.

Ausgeschlossen aus zwei Richtungen

Queere gläubige Menschen erleben häufig eine doppelte Ausgrenzung: aus ihrer Glaubensgemeinschaft, wenn diese Homosexualität oder eine trans Identität ablehnt, und aus Teilen der queeren Szene, die Religion pauschal als homofeindlich einordnet. Genau aus dieser Lücke heraus sind die meisten der heute aktiven Organisationen entstanden – nicht als Kompromiss, sondern als eigener Raum.

Wie die ersten Gemeinschaften entstanden

Den Anfang machte 1968 in Los Angeles der Baptistenprediger Troy Perry mit der Gründung der Metropolitan Community Church (MCC), der ersten Kirche weltweit, die gezielt lesbische, schwule, bisexuelle und trans Gläubige willkommen hieß. Aus der kleinen Hausgemeinde wurde eine internationale Denomination mit heute rund 230 Gemeinden in über 40 Ländern.

Ein Jahr später, 1969, gründete sich in Los Angeles eine Gesprächsgruppe für queere Katholik:innen, aus der 1973 die bis heute aktive Organisation DignityUSA hervorging. Sie hält an der katholischen Tradition fest, obwohl die Amtskirche ihre Position ablehnt – ein Balanceakt, den viele Mitglieder als eigenständigen Ausdruck ihres Glaubens verstehen, nicht als Widerspruch dazu.

In Deutschland entstand 1977 auf dem Deutschen Evangelischen Kirchentag die Ökumenische Arbeitsgruppe Homosexuelle und Kirche (HuK) – eine der ältesten noch bestehenden Lesben- und Schwulenorganisationen des Landes überhaupt. Sie ist bis heute mit einem eigenen Stand beim Berliner CSD vertreten und versteht sich ausdrücklich als christlich und queer zugleich, nicht als Übergangslösung zwischen beidem.

Auch außerhalb des Christentums bildeten sich eigene Strukturen: 1997 gründete der pakistanisch-amerikanische Aktivist Faisal Alam mit der Al-Fatiha Foundation eine der ersten internationalen Anlaufstellen für queere Muslim:innen. Ein Jahr später entstand daraus in Großbritannien Imaan, die nach eigenen Angaben älteste LGBTQ+-Muslim-Organisation der Welt – der Name bedeutet auf Arabisch „Glaube“.

Was interreligiöse Blöcke beim CSD bedeuten

Viele größere CSDs haben mittlerweile feste interreligiöse Programmpunkte: gemeinsame Gottesdienste oder Andachten am Vorabend, eigene Blöcke im Demonstrationszug, Infostände verschiedener Glaubensgemeinschaften nebeneinander. Der Grundgedanke dahinter ist einfach, aber wirkungsvoll: Sichtbarkeit als Gegengewicht zu der oft gehörten Aussage, Glaube und Queersein schlössen sich zwangsläufig aus. Wer eine Gemeinde sucht, die beides zusammenbringt, findet über solche Stände häufig den direktesten Einstieg – zuverlässiger als über eine allgemeine Online-Suche, bei der sich affirmative und ablehnende Gemeinden kaum unterscheiden lassen.

Diese Räume ersetzen dabei nicht die Kritik an religiösen Institutionen, die queerfeindliche Positionen vertreten. Beides existiert nebeneinander: die klare Ablehnung diskriminierender Lehren einzelner Kirchen oder Verbände und der eigene, selbstbestimmte Glauben derjenigen, die sich davon nicht vertreiben lassen wollen.

Warum das Thema bleibt

Die Debatte um Religion und Queersein ist damit nicht abgeschlossen, in keiner Glaubensrichtung. Aber die Geschichte von MCC, DignityUSA, HuK, Al-Fatiha und Imaan zeigt: Seit über fünfzig Jahren schaffen sich queere Gläubige eigene Strukturen, statt zwischen zwei Identitäten wählen zu müssen. Beim CSD wird das sichtbar – am Stand, im Gottesdienst, im eigenen Block der Parade.

Häufige Fragen

Die Metropolitan Community Church (MCC), 1968 in Los Angeles von Troy Perry gegründet. Sie war die erste Denomination, die gezielt LGBTQ+-Gläubige willkommen hieß, und zählt heute rund 230 Gemeinden in über 40 Ländern.
Ja, DignityUSA, entstanden 1969 als Gesprächsgruppe in Los Angeles und seit 1973 als nationale Organisation aktiv. Sie hält an katholischer Tradition fest, obwohl die Amtskirche ihre Position offiziell ablehnt.
Die Ökumenische Arbeitsgruppe Homosexuelle und Kirche, gegründet 1977 beim Deutschen Evangelischen Kirchentag. Sie zählt zu den ältesten noch aktiven Lesben- und Schwulenorganisationen in Deutschland und ist regelmäßig mit eigenem Stand beim Berliner CSD vertreten.
Die Al-Fatiha Foundation (gegründet 1997 von Faisal Alam) und die britische Organisation Imaan (1998/99 entstanden), die sich selbst als älteste LGBTQ+-Muslim-Organisation der Welt bezeichnet.
Um queeren Gläubigen sichtbaren Raum zu geben und der verbreiteten Annahme entgegenzuwirken, Glaube und Queersein schlössen sich grundsätzlich aus. Viele größere CSDs bieten dafür interreligiöse Andachten oder eigene Programmpunkte an.
Nein. Beides lässt sich trennen: die Ablehnung diskriminierender kirchlicher Lehren einerseits und der eigene, selbstbestimmte Glauben queerer Menschen andererseits, die sich davon nicht verdrängen lassen wollen.
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Zuletzt geprüft: 18. August 2026

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