Bild: (pixabay)
Vom Gay Sunday in der Bräurosl bis zum Gaypeople-Zelt in Hannover: Auf Deutschlands großen Volksfesten hat die queere Community längst feste Termine, eigene Zelte und Tracht im Gepäck.
Erobern klingt vielleicht etwas zu martialisch. Tatsache ist aber: Auf einigen der größten deutschen Volksfeste hat die queere Community längst feste Termine, eigene Zelte und ein Publikum, das in die Zehntausende geht. Frühlingsfest, Schützenfest, Oktoberfest – was für Köln der Karneval ist, sind diese Wiesn-Wochen für viele Städte. Dass Lederhose und Dirndl dabei auch von schwulen und lesbischen Gästen getragen werden, ist mancherorts seit Jahrzehnten Normalität.
Gay Sunday auf dem Oktoberfest in München
Das Oktoberfest in München gilt als größtes Volksfest der Welt, und der queere Höhepunkt hat dort eine eigene Geschichte. Der Gay Sunday findet seit über 40 Jahren im Festzelt Bräurosl statt und gilt als das traditionsreichste LGBTIQ*-Treffen der Wiesn. Mehrere tausend Gäste – überwiegend Männer – kommen jedes Jahr zusammen, in Spitzenjahren spricht man von rund 8.000 Besuchern.
Wer dabei sein will, sollte früh aufstehen. Öffnet die Bräurosl am Sonntagmorgen, ist die Schlange vor dem Zelt oft schon beachtlich, und Plätze in den begehrten Boxen lohnen sich nur mit rechtzeitiger Reservierung. Gefeiert wird mitten am Tag – für Besucher aus anderen Städten immer wieder ein kleiner Kulturschock. Gegen 22:30 Uhr schließen die Zelte, danach verlagert sich der Abend in die Clubs der Stadt.
Inzwischen ist aus dem einen Sonntag mehr geworden. Neben dem Gay Sunday haben sich Formate wie der RoslMontag und die traditionsreiche Prosecco-Wiesn in der Fischer-Vroni etabliert. Die queere Wiesn zieht sich so über mehrere Termine – wer einmal in München war, will das einmal erlebt haben.
Gaydelight auf dem Cannstatter Wasen
In Stuttgart heißt das Pendant Gaydelight. Was in den 1990ern noch als kleiner Skandal galt, ist heute eine feste Größe auf dem Wasen. Organisiert wird die Reihe seit über zwei Jahrzehnten von einem festen Veranstalter im Festzelt zum Wasenwirt, das rund 3.500 Gästen Platz bietet. Lesben, Schwule, trans Personen und alle, die mitfeiern wollen, treffen sich hier zur Nachmittagsparty.
Praktisch: Gaydelight gibt es gleich zweimal im Jahr. Einmal im Frühjahr auf dem Stuttgarter Frühlingsfest, einmal im Herbst auf dem Cannstatter Volksfest. Letzteres lockt insgesamt um die drei bis vier Millionen Menschen auf den Cannstatter Wasen – ähnlich wie in München gehören Tracht und Dirndl dabei zum guten Ton. Getragen wird die Party auch vom örtlichen CSD-Umfeld, was den festlichen, offenen Charakter zusätzlich prägt.
Schützenfest Hannover: ein eigenes Gayzelt
Hannover bringt eine Besonderheit mit, die kaum jemand außerhalb Niedersachsens auf dem Schirm hat: das größte Schützenfest der Welt. Schützenfest ist nicht gleich Volksfest – das größte Volksfest bleibt das Oktoberfest –, aber an Tradition steht der Festplatz an der Bult dem wenig nach. Zwischen Ende Juni und Anfang Juli verwandelt sich die Stadt in ein zehntägiges Volksfest mit über einer Million Gästen.
Mittendrin: das Gaypeople-Zelt, das einzige fest installierte queere Festzelt auf einem deutschen Schützenfest. Es fasst rund 1.200 Personen und ist eben kein Separee für einen einzelnen Aktionstag, sondern über die gesamte Laufzeit geöffnet. An den beiden Wochenenden zieht es auch viele heterosexuelle Gäste an – das Zelt gilt als eines der stimmungsvollsten auf dem ganzen Platz. Auf der Bühne wechseln sich Travestie-Shows und Schlager-Acts ab, oft bis tief in die Nacht.
Gaywiesn: das schwul-lesbische Oktoberfest in anderen Städten
Die Idee einer queeren Oktoberfest-Variante haben viele Städte aufgegriffen, darunter Berlin, Hamburg und Hannover. Anders als auf der Original-Wiesn läuft so eine Gaywiesn meist als einzelne Veranstaltung in einer urig eingerichteten Location – gern an einem Sonntag oder am Vorabend eines Feiertags.
Der Ablauf folgt dem bayerischen Vorbild: Fassanstich am späten Nachmittag, deftiges Essen, Maßkrüge, Blasmusik und Schunkeln bis in die Nacht. Lederhose und Dirndl sind Pflicht, zumindest dem Geiste nach. Für Gäste, die es nicht bis nach München schaffen, ist das die kompakte Variante – mit demselben Bier-und-Brezn-Gefühl, nur eben vor der eigenen Haustür.
Worauf du als Besucher achten solltest
Ein paar Dinge erleichtern den Tag erheblich:
- Tische reservieren: Bei Gay Sunday und Co. sind die guten Plätze schnell weg. Vorverkauf und frühzeitige Reservierung sind Gold wert.
- Früh kommen: Viele queere Festzelt-Events starten mittags oder am frühen Nachmittag – nicht am Abend.
- Tracht lohnt sich: Auf den meisten dieser Events ist Tracht keine Pflicht, gehört aber einfach dazu und macht mehr Spaß.
- Termine prüfen: Daten verschieben sich je nach Festkalender. Ein Blick auf die CSD- und Pride-Termine oder die offiziellen Veranstalter-Seiten schützt vor Enttäuschungen.
Wer auf den Geschmack kommt, findet im queeren Veranstaltungskalender weit mehr als Bierzelte. Von Gay-Kreuzfahrten über die größten CSD-Paraden bis zu queeren Reisezielen und Hotspots reicht das Angebot – ein Volksfest ist da nur der bodenständige, bierselige Einstieg.