Auf jedem CSD wehen heute mehr als Regenbogenfahnen. Ein Überblick über die Geschichte der Regenbogenflagge, der Progress-Flagge und der wichtigsten Identitätsflaggen – von Trans über Bi bis Nichtbinär.
Auf jedem CSD wehen heute mehr als nur Regenbogenfahnen. Wer genau hinschaut, entdeckt Flaggen mit Chevron-Pfeilen, mit Kreisen, mit Streifen in Rosa, Hellblau und Weiß oder in Violett und Gelb. Jede dieser Flaggen hat eine eigene Geschichte und steht für eine eigene Gruppe innerhalb der queeren Community. Ein Überblick über die wichtigsten Symbole und ihre Herkunft.
Die Regenbogenflagge: 1978 in San Francisco genäht
Alles beginnt mit Gilbert Baker. Der Künstler und Aktivist entwarf die Flagge 1978 auf Bitten von Harvey Milk und anderen Aktivist:innen in San Francisco, gemeinsam mit rund 30 Freiwilligen, darunter Lynn Segerblom und James McNamara. Gefärbt wurde der Stoff in Mülltonnen im Dachgeschoss des Gay Community Centers, mit natürlichen Farbstoffen. Am 25. Juni 1978 wehte die fertige Flagge erstmals bei der Parade auf der United Nations Plaza.
Ursprünglich hatte sie acht Streifen, jeder mit eigener Bedeutung: Pink für Sexualität, Rot für Leben, Orange für Heilung, Gelb für Sonnenlicht, Grün für Natur, Türkis für Kunst, Indigo für Harmonie, Violett für den Geist. Zwischen 1978 und 1979 fielen Pink und Türkis aus praktischen Gründen weg – der Stoff in Hot Pink war schwer zu beschaffen, eine gerade Anzahl an Streifen ließ sich zudem einfacher in zwei Hälften an einem Mast aufhängen. Übrig blieben die sechs Farben, die bis heute als Regenbogenflagge gelten: Rot, Orange, Gelb, Grün, Blau, Violett.
Philadelphia ergänzt Schwarz und Braun
2017 ging die Stadt Philadelphia einen Schritt weiter. Unter Leitung von Amber Hikes, damals Direktorin des städtischen Office of LGBT Affairs, kamen zwei zusätzliche Streifen dazu: Schwarz und Braun, oberhalb der klassischen sechs Farben angeordnet. Sie sollten Schwarze Personen und People of Color innerhalb der Community sichtbar machen, die in der ursprünglichen Flagge nicht mitgedacht waren. Die Philadelphia-Flagge löste eine Debatte aus, die bis heute anhält – und legte den Grundstein für die nächste große Weiterentwicklung.
Die Progress-Flagge bündelt mehrere Anliegen
2018 entwarf Daniel Quasar aus Portland eine neue Version: die Progress-Flagge. Sie übernimmt die sechs Regenbogenfarben als Hintergrund und legt links einen Chevron mit fünf Streifen darüber – Schwarz und Braun aus der Philadelphia-Flagge, dazu Hellblau, Rosa und Weiß aus der Trans-Flagge von Monica Helms. Die Pfeilform zeigt bewusst nach rechts. Quasar wollte damit ausdrücken, dass in Sachen Fortschritt noch Bewegung nötig ist, und die neuen Streifen an den Rand setzen, statt sie mit den ursprünglichen sechs zu vermischen.
2021 kam eine weitere Ergänzung dazu: Valentino Vecchietti von Intersex Equality Rights UK fügte ein gelbes Dreieck mit violettem Kreis hinzu, das Symbol der Intersex-Flagge. Diese Version heißt Intersex-Inclusive Progress-Flagge und ist inzwischen die Variante, die bei vielen CSDs offiziell verwendet wird.
Eigene Flaggen für einzelne Identitäten
Neben der Regenbogen- und der Progress-Flagge haben sich über die Jahrzehnte eigene Flaggen für einzelne Gruppen etabliert:
- Trans-Flagge: entworfen von Monica Helms im August 1999. Hellblau und Rosa stehen für die klassischen Babyfarben, Weiß für alle, die sich außerhalb der binären Geschlechterordnung verorten oder gerade im Übergang sind.
- Bisexuelle Flagge: von Michael Page entworfen, vorgestellt am 5. Dezember 1998. Pink steht für gleichgeschlechtliche Anziehung, Blau für Anziehung zum anderen Geschlecht, das Violett dazwischen für beides.
- Nichtbinäre Flagge: entstanden im Februar 2014 durch Kye Rowan. Gelb steht für Identitäten außerhalb der binären Ordnung, Weiß für Menschen mit mehreren Geschlechtern gleichzeitig, Violett für eine Mischung aus männlich und weiblich, Schwarz für Menschen ohne Geschlecht.
- Asexuelle Flagge: 2010 von einem Mitglied der Asexual Visibility and Education Network (AVEN) unter dem Namen „standup“ entworfen. Schwarz, Grau, Weiß und Violett stehen für das Spektrum von Asexualität bis Sexualität.
- Lesbische Sunset-Flagge: 2018 von der australischen nichtbinären Aktivistin Emily Gwen gestaltet, mit sieben Streifen von Orange zu Pink. Sie hat mehrere Vorgängerinnen abgelöst und gilt inzwischen als die am weitesten verbreitete lesbische Flagge.
Was das für den CSD-Besuch bedeutet
Wer eine unbekannte Flagge sieht, kann einfach fragen – die meisten Menschen erklären gern, was ihre Flagge bedeutet, das gehört zur Idee von Sichtbarkeit dazu. Viele CSD-Veranstalter verkaufen oder verteilen an Infoständen kleine Faltblätter mit den gängigsten Flaggen, manche Stadtverwaltungen wie Philadelphia haben eigene Übersichten online gestellt. Ein Irrglaube hält sich hartnäckig: Es gibt keine „offizielle“, von der ganzen Community anerkannte Instanz, die neue Flaggen genehmigt. Neue Entwürfe entstehen einfach dann, wenn eine Gruppe sich in den bestehenden Symbolen nicht wiederfindet, und setzen sich durch, wenn andere sie aufgreifen.