Ein Jahr nach den Stonewall-Unruhen fehlte obdachlosen trans Jugendlichen in New York fast jede Anlaufstelle. Marsha P. Johnson und Sylvia Rivera schufen sie selbst – mit STAR und einem besetzten Haus in der East Village. Die Geschichte einer Organisation, die vieles vorwegnahm, was heute als CSD-Selbstverständlichkeit gilt.
Wer heute über die Anfänge der Pride-Bewegung spricht, landet fast immer bei den Stonewall-Unruhen im Juni 1969. Was danach kam, ist weniger bekannt: Ein Jahr später gründeten zwei Frauen, die selbst in der Nacht des Aufstands dabei gewesen waren, eine Organisation, die sich explizit um die Ärmsten der Community kümmerte – obdachlose trans Jugendliche und Sexarbeiterinnen, die in der jungen Schwulen- und Lesbenbewegung kaum vorkamen.
Eine Gruppe, die aus einem Sit-in entstand
Am 20. September 1970 besetzten mehrere radikale schwul-lesbische Gruppen die Weinstein Hall der New York University, nachdem die Universität einen geplanten queeren Tanzabend abgesagt hatte – aus diesem Sit-in entstand die Idee zu Street Transvestite Action Revolutionaries, kurz STAR. Marsha P. Johnson und Sylvia Rivera, beide Veteraninnen der Stonewall-Nacht, gründeten daraus wenig später STAR – zu einer Zeit, in der der Begriff „transgender" in der heutigen Bedeutung noch nicht gebräuchlich war und „Transvestite" die gängige Selbstbezeichnung vieler trans Personen in der Szene war.
STAR forderte, was aus heutiger Sicht selbstverständlich klingt und es damals nicht war: freie Kleidung, Bildung, Nahrung, medizinische Versorgung, Wohnraum und Mobilität für trans Menschen, dazu Körperautonomie und Schutz vor Diskriminierung. Die Organisation richtete sich damit gegen eine Bewegung, die zunehmend auf gesellschaftliche Anschlussfähigkeit setzte und dabei die sichtbarsten, verletzlichsten Mitglieder der eigenen Community an den Rand drängte.
Das STAR House: Unterkunft aus der Not
Im November 1970 eröffneten Johnson und Rivera das STAR House in der East 2nd Street in Manhattans East Village – zunächst buchstäblich in der Ladefläche eines abgestellten Lkw, bevor die Gruppe ein heruntergekommenes Gebäude bezog. Bis zu 25 obdachlose trans Jugendliche fanden dort ein Dach über dem Kopf und Verpflegung. Die monatliche Miete von 200 Dollar brachten die Bewohnerinnen selbst auf, größtenteils durch Betteln und Sexarbeit – andere Einkommensquellen blieben ihnen weitgehend verschlossen. Das Haus musste im Juli 1971 nach nur acht Monaten aufgegeben werden, nachdem die Gruppe die Miete nicht mehr zahlen konnte.
So kurz das STAR House bestand, gilt es als eine der ersten Einrichtungen dieser Art in den USA: eine von trans Personen selbst organisierte Notunterkunft, lange bevor Sozialarbeit oder Wohlfahrtsverbände das Thema trans Obdachlosigkeit überhaupt benannten.
Der Bruch von 1973
Wie tief der Graben zwischen der wachsenden, zunehmend auf Respektabilität bedachten Schwulenbewegung und den STAR-Gründerinnen war, zeigte sich 1973 beim Christopher Street Liberation Day, dem Vorläufer des heutigen CSD in New York. Rivera musste sich das Rederecht bei der Kundgebung buchstäblich erkämpfen, nachdem Teile der Organisatoren trans Frauen und Dragqueens lieber aus dem öffentlichen Bild der Bewegung heraushalten wollten. Ihre Rede, in der sie die Community an die inhaftierten und misshandelten trans Menschen erinnerte, für die sie kämpfte, gilt heute als eines der prägenden Dokumente früher trans Sichtbarkeit auf einer Pride-Bühne. Danach zog sich Rivera für längere Zeit aus der organisierten Bewegung zurück.
Vermächtnis
STAR als Organisation löste sich 1973 auf. Die Idee lebte weiter: Um die Jahrtausendwende, ausgelöst auch durch den Mord an der trans Frau Amanda Milan 2000 in New York, belebte Rivera die Arbeit unter dem Namen Street Transgender Action Revolutionaries neu. Nach dem Tod von Johnson 1992 und Rivera 2002 tragen mehrere Organisationen ihr Erbe weiter, darunter das Sylvia Rivera Law Project, das sich für die Rechte von trans und nicht-binären Menschen mit niedrigem Einkommen einsetzt, sowie das Marsha P. Johnson Institute. Das Museum of the City of New York widmete STAR 2019 eine eigene Ausstellung.
Für die heutige CSD-Landschaft, in der trans Sichtbarkeit oft als gegeben gilt, lohnt der Blick zurück: Die ersten konkreten Hilfsangebote für obdachlose trans Jugendliche kamen nicht von etablierten Verbänden, sondern von zwei Frauen, die selbst kaum ein Dach über dem Kopf hatten – und die dafür kämpfen mussten, überhaupt gehört zu werden.
Häufige Fragen
Zuletzt geprüft: 30. August 2026