Im November 1978 lagen in Kalifornien drei Wochen zwischen einem Sieg an der Wahlurne und einem Mord im Rathaus. Mitten drin stand Harvey Milk. Wer verstehen will, warum Pride mehr ist als eine Parade, findet in seiner Geschichte einen guten Einstieg. Sie zeigt, was auf dem Spiel stand und wie knapp es war.
Ein Stadtrat für San Francisco
1977 wählten die Menschen in San Francisco Harvey Milk in den Stadtrat, das Board of Supervisors. Die US-Nationalarchive beschreiben ihn als den ersten offen schwulen Politiker, der in Kalifornien ein öffentliches Amt gewann.
Proposition 6: Der Plan gegen queere Lehrkräfte
1978 kam in Kalifornien ein Volksentscheid auf den Stimmzettel, benannt nach dem Abgeordneten John Briggs: Proposition 6, die Briggs-Initiative. Sie hätte verlangt, dass schwule und lesbische Lehrkräfte an öffentlichen Schulen entlassen werden. Das Gleiche sollte für Beschäftigte gelten, die sich für die Rechte Homosexueller einsetzen. Die Vorlage sah lange nach einer Mehrheit aus. Dass sie scheiterte, war keine Selbstverständlichkeit.
Milk reiste durch Kalifornien und trat Briggs in öffentlichen Debatten entgegen. Die Bürgerrechtsorganisation ACLU erinnert daran, dass sich Aktivist:innen für die Haustürgespräche schulen ließen. So bestand die Kampagne aus vielen kleinen Begegnungen und nicht aus einem einzigen großen Auftritt.
Die Hope Speech am Gay Freedom Day
Der Gay Freedom Day war die Feier der Community in San Francisco. Am 25. Juni 1978 hielt Milk die Rede, die als „Hope Speech“ bekannt wurde. Er bezog sich auf die Unabhängigkeitserklärung: Alle Menschen seien gleich geschaffen und mit unveräußerlichen Rechten ausgestattet, und „you cannot erase those words“. Er erinnerte daran, dass 15 bis 20 Millionen Lesben und Schwule im Land zuhörten. Und er fragte, wann Präsident Jimmy Carter über deren Rechte spreche. Im Original lautet die Frage: „Jimmy Carter, when are you going to talk about their rights?“ Milk sprach den Präsidenten direkt an, vor Publikum.
Ende Juni schrieb Milk dem Präsidenten einen Brief und bat um dessen Unterstützung gegen Proposition 6. Das Original liegt in der Jimmy Carter Presidential Library. Carter lehnte die Initiative öffentlich ab. Welchen Anteil der Brief daran hatte, ist unbekannt, die National Archives sagen das ausdrücklich.
Was Quellen unterschiedlich angeben
Bei der Recherche fallen kleine Widersprüche auf. Zwei Seiten der US-Nationalarchive datieren Milks Brief an Carter auf den 28. Juni 1978 beziehungsweise den 25. Juni, den Tag der Rede. Auch beim Amtsantritt weichen Darstellungen ab: Gewählt wurde Milk 1977, die meisten Quellen sehen den Amtsbeginn Anfang 1978. Ob Carters Ablehnung der Initiative etwas mit dem Brief zu tun hatte, lässt sich nicht belegen.
Das Ergebnis vom 7. November 1978
Die Abstimmung ging am 7. November 1978 klar aus. Proposition 6 wurde mit mehr als einer Million Stimmen Vorsprung abgelehnt. Für Kalifornien hieß das: Queere Lehrkräfte durften bleiben, und der Plan, sie per Gesetz zu entlassen, war vom Tisch.
Der 27. November
Am 27. November 1978 wurden Milk und Bürgermeister George Moscone im Rathaus von San Francisco erschossen. Der Täter war Dan White, ein früherer Stadtrat. Die Nähe zur gewonnenen Abstimmung macht den Verlust bis heute besonders bitter.
2009 erhielt Milk posthum die Presidential Medal of Freedom, die höchste zivile Auszeichnung der USA.
Was das mit Pride zu tun hat
Milks Rede richtete sich an Millionen, die zuhörten und, wie er sagte, genau hinhörten. Das ist eine Einordnung, kein Beleg für eine Wirkung: Sichtbarkeit war für ihn ein politisches Mittel. Dieser Gedanke steckt bis heute in Paraden wie dem CSD. Man geht hin, auch um gezählt zu werden.
Sichtbarkeit ist aber nicht für alle gleich sicher. Wer am Arbeitsplatz oder in der Familie nicht offen leben kann, trifft eine Entscheidung, die niemand von außen bewerten sollte. Die Geschichte von Proposition 6 zeigt nur, dass Gesetze, die Arbeit und Ansehen queerer Menschen betreffen, nicht nur Vergangenheit sind.
Wo du weiterlesen kannst
Die Hope Speech und Milks Brief an Carter sind über DocsTeach und die US-Nationalarchive einsehbar. Die Jewish Virtual Library hat eine Kurzbiografie. Für den größeren Zusammenhang lohnt ein Blick auf den ersten Pride-Marsch 1970 und die Stonewall-Aufstände, die wir hier ebenfalls vorstellen.
Häufige Fragen
Quellen
- visit.archives.gov · harvey-milk-writes-president
- prologue.blogs.archives.gov · featured-document-harvey-milk
- docsteach.org · milk-hope-speech
- aclunorcal.org · celebrating-harvey-milk-and-defeat-briggs-initiative-aclutim...
- jewishvirtuallibrary.org · Harvey_Milk