Wer heute zum CSD geht, steht auf den Schultern von Menschen, die lange vor Stonewall gearbeitet haben. Einer davon ist Magnus Hirschfeld. Der Berliner Arzt und Sexualforscher (1868–1935) gründete 1897 das Wissenschaftlich-humanitäre Komitee und 1919 das Institut für Sexualwissenschaft. Am 6. Mai 1933 wurde das Institut geplündert, wenige Tage später brannten seine Bücher. Was damals verloren ging, ist bis heute nicht zurückgekehrt.
Ein Institut für alle, die Rat brauchten
Laut dem Hirschfeld-Archiv wurde die Dr. Magnus Hirschfeld-Stiftung am 4. Dezember 1918 gegründet und am 21. Februar 1919 vom preußischen Staat genehmigt. Das Institut eröffnete im Sommer 1919 und lag In den Zelten 10 in Berlin. Hirschfeld kaufte das Hauptgebäude im November 1920 und ein Nachbarhaus im Februar 1921, 1924 übertrug er beide der Stiftung. Sie begann mit 30.000 Mark Kapital, Spenden erhöhten die Summe später auf rund 105.000 Mark.
Das Institut war mehr als eine Forschungsstelle. Es hatte medizinische, psychologische und ethnologische Abteilungen und eine Ehe- und Sexualberatung. Es bot Vorträge zur Aufklärung, öffentliche Fragestunden und Fortbildungen für Ärzte, Juristen und Pflegekräfte. Wer ein sexuelles Problem hatte, durfte sich Rat holen. Das Personal schrieb außerdem Gutachten für Gerichtsverfahren. Zu den Mitarbeitern zählten neben Hirschfeld unter anderem Arthur Kronfeld und Arthur Weil. Die Bibliothek war umfangreich.
Das Wissenschaftlich-humanitäre Komitee, das Hirschfeld 1897 gegründet hatte, hatte seine Büros bis 1930 im Institut. Hirschfeld setzte sich zugleich öffentlich für bessere Rechte Homosexueller ein (German History Docs).
Zur Forschung gehörten ein psychobiologischer Fragebogen und soziologische Studien. Nach einer Zusammenfassung der Encyclopaedia Britannica war es das erste sexualwissenschaftliche Forschungsinstitut der Welt; es lag im Berliner Tiergarten. Das Institut hatte also einen wissenschaftlichen Anspruch und war zugleich offen für alle, die Beratung suchten.
Der 6. Mai 1933
Die Nationalsozialisten nahmen das Institut früh ins Visier. Hirschfeld wurde verfolgt, weil er Jude war und schwul. Am 6. Mai 1933 stürmten Studenten der Berliner Hochschule für Leibesübungen das Institut und plünderten die Bibliothek. Andere Darstellungen nennen die Deutsche Studentenschaft als Täter; die Quellen sind sich hier nicht einig.
Vier Tage später, am 10. Mai 1933, wurden Bücher des Instituts auf dem Berliner Opernplatz verbrannt. Studenten warfen auch eine Büste Hirschfelds ins Feuer. Das Institut wurde geschlossen. Später entzogen die Behörden der Stiftung die Gemeinnützigkeit, forderten rund 140.000 Reichsmark Steuern nach und versteigerten ihren Besitz. Etwa 3.000 Bände kamen 1933 unter den Hammer. Die Gebäude wurden beschlagnahmt, später von einer NS-Ärzteakademie genutzt und 1943 bei einem Luftangriff zerstört.
Hirschfelds Exil
Hirschfeld wurde ins Exil nach Frankreich gezwungen und starb dort 1935. In Paris schrieb er ein Testament, in dem er sein restliches Vermögen seinen Schülern und Erben Karl Giese und Li Shiu Tong hinterließ.
Warum das nach 1945 nicht aufhörte
Auch nach dem Krieg gab es kein Ende für die Folgen. Die nationalsozialistische Fassung des Paragrafen 175a blieb in der Bundesrepublik in Kraft. Dadurch konnten überlebende schwule Männer keine Entschädigung für das zerstörte Institut verlangen. Die Sammlungen und Archive gelten bis heute als unwiederbringlich verloren.
Was von Hirschfeld geblieben ist
Die Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft wurde 1982 in West-Berlin gegründet, um das wissenschaftliche und kulturelle Erbe Hirschfelds und seines Instituts zu erforschen und zu bewahren. Die Gesellschaft schreibt auf ihrer Webseite, dass Jahre der Recherche die große Bibliothek nicht zurückgebracht haben. Wer sich selbst ein Bild machen will, findet Material zur Geschichte des Instituts auf magnus-hirschfeld.de.
Warum das für den CSD zählt
Der erste CSD in Berlin fand 1979 statt. Hirschfeld erlebte weder den ersten Marsch noch das Ende von Paragraf 175, er starb 1935. Trotzdem war sein Institut einer der frühen Orte, an denen homosexuelle Menschen ernst genommen wurden: als Ratsuchende, als Patienten, als Mitarbeiter und Forscher. Wer heute auf einem CSD mitläuft, setzt etwas fort, das im Mai 1933 gewaltsam unterbrochen wurde.
Bild: Foto von Travel with Lenses auf Pexels.
Häufige Fragen
Quellen
- hirschfeld.in-berlin.de · wash_en
- germanhistorydocs.org · institut-fuer-sexualwissenschaft-in-berlin-undeutsches-und-w...
- magnus-hirschfeld.de
- britannica.com · Institute-for-Sexual-Science